Modellversuch elektronisches Schulbuch
olav — Thu, 06/16/2011 - 08:34
Am Bonner Tannenbusch-Gymnasium hat für die Klasse 9b die Zukunft ohne Schulbuch begonnen. Die Klasse nimmt an einem groß angelegten Modellversuch teil und wird im Schuljahr 20011/2012 komplett ohne gedruckte Schulbücher auskommen. Stattdessen trägt jeder Schüler ein Lesegerät bei sich, auf dem alle Schulbücher elektronisch gespeichert sind.
Die Eltern sind begeistert. Wie der Vater eines 14-jährigen Schülers der Klasse berichtet, vereinfacht das kleine Gerät den Familienalltag ganz wesentlich. Keine allabendliche Suche mehr nach Schulbüchern und jedes mal die Frage, ob die schwere Fibel am nächsten Tag wirklich gebraucht wird oder zu hause bleiben kann. Ebenso gibt es kein Problem mehr bei den Hausaufgaben, wenn der Atlas in der Schule im Klassenschrank aufbewahrt wird.
Durch die Konzentration der eBook-Reader auf eine einzige Funktion, nämlich die optimale Darstellung von Büchern, hat auch die Mutter des Schülers keine Bedenken, dass die Kinder zu sehr durch Apps für Spiele, soziale Netzwerke oder multimediale Ablenkungen auf dem Gerät vom Lernen abgehalten werden. Mit der Einführung eines iPads im Unterricht wäre sie definitiv nicht einverstanden gewesen, da sie damit ihren täglichen Kampf um medienfreie Zeit in einer Welt von Handys, iPods, Festplattenrekordern und Spielekonsolen endgültig verloren hätte.
Im Fach Englisch lassen sich die vielseitigen Geräte mit ihrem eingebauten Lautsprechern und Mikrofon sogar für Ausspracheübungen einsetzen und sparen so das Anschalten des PCs. Einfache Internet-Recherchen oder Zugriffe auf Wikipedia lassen sich dank des eingebauten Wifi-Netzwerkes ebenso ohne die Ablenkung eines Wechsels an den PC durchführen.
Auch für die Gesundheit der Kinder tut das Projekt Gutes. Bereits seit der fünften Klasse habe er und die anderen Eltern sich dafür eingesetzt, dass die Kinder nicht jeden Tag 10kg schwere Schultaschen schleppen müssen. Ausser dem elektronischen Buch sind jetzt nur noch die Schul- und Arbeitshefte zu tragen, dass Gewicht der Schultasche hat sich an einem typischen Tag auf 2kg reduziert. Nun hofft er, dass auch sein 11-jähriger in der fünften Klasse bald in den Genuss des neuen Gerätes kommt.
Die Lehrer sind beeindruckt von der Routine, mit der die Schüler ihre neuen Geräte nach wenigen Wochen beherrschen. Die gemeinsame Lektüre von Textpassagen in Geschichte funktioniert problemlos, Formeln und Reaktionsdiagramme für den Chemieunterricht stellt der hochauflösende Bildschirm anstandslos dar, im Englisch-Unterricht lassen sich interaktive Tests direkt am Gerät durchführen und die Ergebnisse zur Korrektur und Besprechung per Wifi auf den Schulserver übertragen.
Die Deutschlehrerin der Klasse ist restlos begeistert. “Durch den eingebauten Internet-Zugang der Lesegeräte kann ich jetzt aktuelles Tagesgeschehen in den Unterricht einbauen, ohne jedes Mal einen Ausflug in den Computerraum zu planen.” Obwohl sie zuerst skeptisch war, stellte sie fest, dass ihre Schüler den eReader auch in ihrer Freizeit nutzen und damit wieder mehr zum Lesen kommen.
Die Schulleitung ist ebenso überzeugt. Neben den Image-Gewinn, den die Schule durch den Einsatz fortschrittlicher Unterrichtsmethoden erlangt, gibt es handfeste Vorteile bei der Flexibilität des Stundenplanes. Da die Schüler immer alle Materialien dabei haben, lassen sich Vertretungsstunden produktiv für Forder- und Förderangebote nutzen. Wie der Schulleiter versichert, wird man sich sehr für den flächendeckenden Einsatz von eBook-Readern an der Schule einsetzen,
Ist der geschilderte Modellversuch Realität? Leider bisher nicht. Aber wir arbeiten daran. Für die Umsetzung fehlt es noch an mutigen Partnern. Schulleitung und Lehrer muss sich überzeugen lassen, dass der flüssige Unterrichtablauf durch die elektronischen Bücher nicht beeinträchtigt wird. Die Eltern der beteiligten Klasse müssen überzeugt werden, dass ihre Kinder von dem Projekt profitieren. Amazon muss als Sponsor für die benötigten 35 Kindle eBook-Reader zur kostenlosen Abgabe an die Schüler und Lehrer gewonnen werden. Ein wissenschaftlicher Partner muss gefunden werden, der das Projekt begleitet. Das Schulministerium muss eingebunden werden und dem Vorhaben zustimmen.
Am schwierigsten wird es werden, die Verlage zum Bereitstellen der erforderlichen Schulbücher in einer Kindle-fähigen Version zu überzeugen. Immerhin reicht es oft nicht, einfach das vorhandene Rohmaterial auf den Reader zu übertragen. Bildformate sind anzupassen, Schriftarten zu korrigieren, das Layout muss für die kleine Fläche des Bildschirms optimiert werden, neue Zugriffswege zu den Inhalten über die bestehenden Inhalts- und Schlagwortverzeichnis hinaus müssen geschaffen werden.
Trotzdem! Dies ist ein lohnendes Projekt, welches allen Beteiligten unmittelbare Vorteile und für die Zukunft des elektronischen Klassenzimmers wesentliche Erkenntnisse bringen wird. Eine Herausforderung also, die es lohnt, angegangen zu werden.




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